Sa
05
Sep
2009
"Diaphragma-Zervikalreflex" (DZR) nach Radloff
Schmerzen und Bewegungseinschränkungen der Halswirbelsäule, teilweise mit Einstrahlungen in die Schulter und in den Arm, kommen verhältnismässig häufig vor. Die Behandlung dieser Beschwerden erfolgt üblicherweise mit Schmerzmitteln, Muskelentspannern und Entzündungshemmern, unterstützt mit physiotherapeutischen Massnahmen bis hin zur Chirotherapie, die nicht in jedem Fall erfolgreich sein können.
Im Folgenden soll versucht werden, eine unter wahrscheinlich mehreren Begründungen dafür darzustellen. Es handelt sich um das reflektorische Geschehen zwischen zwischen dem Zwerchfell und der Halswirbelsäule, den Diaphragma-Zervikalreflex (DZR), durch den Störungen und Erkrankungen der Atemwege, sowie der Bauchorgane in die Halswirbelsäule übertragen werden können.
Geschichte der segmentalen Innervation
Der englische Neurologe Sir Henry Head (1861-1940) beschrieb den Zusammenhang zwischen Rückenmarksnerven, inneren Organen und Hautarealen. Er ist der Begründer der "Segmentalen Innervation". Vereinfacht ausgedrückt besagt diese Lehre, dass die in jeder Etage aus dem Rückenmark zwischen zwei benachbarten Wirbeln austretenden Spinalnerven gleichzeitig Teile eines inneren Organs, ein Hautareal und ein Muskelgebiet versorgen. Dieses Gebilde wird als Segment bezeichnet.
Etwa 1935 überprüften die deutschen Neurologen Hansen und von Staa diese Aussagen und machten u.a. eine bemerkenswerte Beobachtung bei Patienten mit internistischen Krankheitsbildern. Sie bemerkten bei diesen Personen regelmäßig und unabhängig vom jeweiligen Krankheitsprozess, neben der Ausbildung charakteristischer, segmentaler Hautverquellungen im Rumpfgebiet eine Mitbeteiligung im zervikalen Bereich. Diese Veränderungen traten in den Segmenten C3 und C4 auf. Sie zeigten sich dort nicht nur als Tonuserhöhung von Haut und Muskulatur, sondern teilweise auch als Schmerz und Bewegungseinschränkung.
Da sich zwischen dem 3. und 4. Halswirbel der Austrittsort des Nervus phrenicus, dem das Zwerchfell innervierende Nerv befindet, wurde folgerichtig ein Zusammenhang zwischen inneren Organen, dem Diaphragma und dem Nervus Phrenikus vermutet. Dieses Zusammenspiel zu beweisen, gelang damals nicht. Es wurde versucht die vermutlich von inneren Organen ausgelösten zervikalen Beschwerden durch Injektion eines Anästhetikums in den Zwerchfellnerven abzuschalten. Die Folge davon war eine Zwerchfelllähmung auf der Seite der Anästhesie.
Versuche umgekehrt über gestörte Organe auf die zervikale Region Einfluss zu nehmen fanden nicht statt. Das Phänomen der Mitbeteiligung von C3 - C4 wurde (sinngemäß) als "universelle Organmitbeteiligungszone gedeutet und nicht weiter erforscht.
Die einzige heute bekannte Wechselwirkung zwischen dem Zwerchfell und der Halswirbelsäule ist die Phrenikusreizung. Sie kann nach einer gashaltigen Laparoskopie auftreten, die sich in Brust- bzw. Schulterschmerzen äußert. Das verwendete Gas übt Druck auf das Zwerchfell aus, dadurch kommt es zu dieser Nervenreizung. Nach Entweichen des Restgases erlischt diese Symptomatik. Weiter kommt es im Abschluss an Magenoperationen relativ häufig zur Ausbildung einer linksseitigen Frozen Shoulder. Eine Erscheinung für die keine Begründung existiert, für die aber m.E. ebenfalls eine Zwerchfellreizung verantwortlich gemacht werden muss.
Der DZR im Detail
Das Zwerchfell, der große Atemmuskel liegt etwa in der Mitte des Rumpfes und trennt den Bauchraum von den Atmungsorganen. Seine nervliche Versorgung erhält es vom Nervus phrenicus, der auf beiden Seiten zwischen dem 3. und 4. Halswirbel aus dem Rückenmark austritt und von dort aus nach unten zur Rumpfmitte führt. Dieser Nerv bildet auf dem Zwerchfell ein engmaschiges Netz, auf das sich Reizzustände der dort gelegenen Organe mitteilen und die danach in die Halswirbelsäule transferiert werden.
Da sich der Austritt vom Phrenikus (C3 - C4) annähernd in der Mitte des Halsgeflechts (Plexus cervicalis C1 - C4) und nur einen Wirbel höher als das Armgeflecht (Plexus brachialis C5 - Th2) befindet, wird erklärlich, dass die dem Zwerchfell nahgelegenen Organe so die gesamte Halswirbelsäule beeinflussen und u. U. den Reiz bis in den Arm übertragen können.
Die Symptomatik
Nacken-, Schulter- und Armbeeinträchtigungen wegen Störungen der Atmungs- oder Bauchorgane treten erfahrungsgemäß homolateral, also auf der gleichen Körperseite wie deren Ursache auf. Die Symptomatik kann sich von simplen Nackenschmerzen, über einseitige Bewegungseinschränkungen der HWS und hochschmerzhaften Schultergelenksbeschwerden (Periarthritis humero scapularis PHS) bis hin zum Tennis- und Golferellbogen erstrecken. Ein sog. Skidaumen (Arthrose des Daumengrundgelenks) zählt ebenso dazu. Charakteristisch ist dabei eine Druckempfindlichkeit an der Seite der Halswirbelsäule, etwa eine Handbreite unterhalb des Mastoids am hinteren Rand des Kopfdrehers.
Die Homolateralität lässt sich mit den beidseitigen Versorgungsgebieten des N. phrenicus erklären. Von beiden Seiten der Halswirbelsäule ausgehend tritt dieser Nerv aus dem Rückenmark aus und verläuft danach paarig ventral der Wirbelsäule zum Diaphragma. Dort bildet er ein engmaschiges Netz auf das sich augenscheinlich organische Reizzustände übertragen. Es hängt somit von der Seitenlage eines Organs ab, welche Seite der HWS von Beschwerden betroffen ist.
Die auf der linken Seite gelegenen Organe, wie beispielsweise Magen, Bauchspeicheldrüse und die dort befindlichen Teile des Dünndarms bewirken linksseitige Nackenbeschwerden, während Gallenblase und Leber, sowie die dort liegenden Teile des Dünndarms sich rechts in der HWS schmerzhaft bemerkbar machen. Zu den bereits genannten Strukturen gehören auch die Atmungsorgane der jeweils gleichen Seite, aber auch Teile des Dickdarms und der Nieren.
Beidseitige Symptomatik
So ausgelöste beidseitige Schulter-, Nacken- und Armbeschwerden werden ebenfalls angetroffen. Verursacher dafür könnten paarig angelegte Organe, wie z. B. Lungen oder die Nieren sein, aber auch zugleich bestehende Beeinträchtigungen anderer Organe, wie beispielsweise links vom Magen und rechts von der Gallenblase.
Chronische HWS-Beschwerden
Die aus dem DZR ableitbaren Zusammenhänge lassen die häufig rezidivierenden Beschwerden aber auch ständig bestehende Schmerzustände und Bewegungseinschränkungen der HWS in einem völlig anderen Licht erscheinen. Mit Hilfe dieses Reflexes werden Zusammenhänge nicht nur erklärlich, sondern gleichzeitig Abhilfe meist möglich. Sofern bekannt ist, dass beispielsweise die gestörte Funktion der Pankreas eines Diabetikers sich in die HWS-Region auswirken kann, wird man nicht mehr versuchen wollen die Halswirbelsäule zu behandeln, sondern sich stattdessen an die Bauchspeicheldrüse wenden.
Bei Diabetikern wird häufig zu eine beidseitige Nacken-, Schultersymptomatik angetroffen. Die Beeinträchtigungen der linken Seite können mit der erkrankten Bauchspeicheldrüse erklärt werden. Die Symptomatik der rechten Schulter- Nackenregion mit der bei der Zuckerkrankheit regelmäßig beteiligten Leber. Hier dürfte die gestörte Glucoseeinlagerung dafür verantwortlich sein.
Gleiches gilt für die oft über Jahre bestehenden Beschwerden nach einem Schleudertrauma. Hier bringt die Erkenntnis aus dem DZR in vielen Fällen relativ schnell Abhilfe.
Beispiele finden Sie hier:
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3 Kommentare
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#1
Theoretisch überzeugend. Nur warum hat das niemand meiner Ausbilder erwähnt? Danke trotzdem für den spannenden Hinweis. Meine Klienten werden sich nun diesbezügliche Fragen von mir stellen lassen müssen.
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#2
Danke für den Bericht. Mein Zwerchfellbruch und meine linksseitigen Schulterbeschwerden könnten sich so erklären. Nur was kann ich dagegen tun? Viele Grüsse
Monika -
#3
Hallo Monika
Eine grundlegende Therapie bei Hiatushernien ist mir leider nicht bekannt. Dennoch, deine Erkenntnis aus dem DZR könnten m.E. helfen. Erstmals kannst du eine, für dich zunächst noch theoretische Verbindung zwischen Bauch und HWS herstellen. Beobachte deinen Schulterschmerz vor und nach Mahlzeiten. Durch unverträgliche Lebensmittel nehmen erfahrungsgemäß in relativ kurzer Zeit (ca. 30 Minuten)die Gelenksbeschwerden deutlich zu. Du erhältst so einen Hinweis auf dir persönlich Unverträgliches.

